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 Ehre in der Türkei

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Beamy



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BeitragThema: Ehre in der Türkei   Do 18 März 2010 - 10:31

http://www.dta-uni-hannover.de/publik/Ehre.htm



Der Begriff der Ehre in der Türkei

Die weibliche Ehre

Die Ehre (namus) der Frau ist an ihre sexuelle Reinheit gebunden, sie muss unberührt in die Ehe gehen und dem Mann treu bleiben. Die weibliche Ehre wird in der Schamhaftigkeit der Frau ausgedrückt. Eine schamhafte Frau ist allgemein schüchtern und scheu dem Mann gegenüber, sie bedeckt vor ihm ihr Haar und ihren Körper und versucht, ihre körperlichen Funktionen zu verbergen. Frauen können sich gegenseitig nicht entehren, weil ihre Ehre von der Keuschheit abhängt. Deswegen sind sie untereinander nicht verletzbar. Ihr Zusammensein ist sogar für ihre Ehre vorteilhaft, weil sie sich so besser gegen physische Angriffe wie auch üble Nachrede wehren können.
Die Frauen, insbesondere die unverheirateten Frauen, sollen ihren Mund vor den Fremden verhüllen. Genauso verlobte und jungverheiratete Frauen sollen dies vor den Verwandten des Mannes tun. Mädchen im heiratsfähigen Alter kleiden sich besonders sorgfältig, aber nicht zu auffällig, weil dies gegen die Regeln der Schamhaftigkeit verstoßen würde. Völlige Nacktheit ist nur zwischen den Eheleuten erlaubt, sonst gilt sie als schamlos und wird als Sünde (günah) betrachtet. Auch während der Geburt bleiben die Frauen angezogen und ziehen erst im letzten Moment die Unterhose aus.

Das Schamgefühl verlangt von Frauen auch das Verbergen weiblicher Körperfunktionen so elementar wie essen und trinken. Frauen schämen sich, in Anwesenheit fremder Männer Speisen zu sich zu nehmen. Wenn es unvermeidbar ist, machen sie es hinter dem Zipfel ihres Kopftuches, um den Blicken der Männer zu entgehen. Als schamlos gilt auch, eine Toilette aufzusuchen, wenn es jemand des anderen Geschlechts bemerkt. Es ist den menstruierenden Frauen an sich erlaubt, das Fasten zu unterbrechen (dem Koran nach schließt ihr unreiner Zustand sie von den religiösen Handlungen aus). Frauen nehmen aber diese Möglichkeit nicht wahr, wenn Fremde anwesend sind, um die Menstruation geheim zu halten. D.h. der Ehrkanon greift stärker als die Bestimmungen des Korans. Auch jede unkontrollierte Äußerung gilt als schamlos und muss in Gegenwart von Männern vermieden werden.Im scharfen Kontrast dazu steht die Defloration der Frau, die ihre Jungfräulichkeit und dadurch auch ihre Ehrenhaftigkeit beweisen soll. Deswegen sind die Anzeichen bzw. Nachweise für die Jungfräulichkeit und Defloration öffentliche Angelegenheiten. Da die Ehre ein öffentlicher Begriff ist, muss die Ehrenhaftigkeit der Braut öffentlich festgestellt werden.

Die Schamhaftigkeit der Frau findet ihren Ausdruck auch in der Sprache. Frauen sprechen in Anwesenheit von Fremden leiser als sonst. Wenn sie tanzen oder singen, machen sie das immer in getrennten Gruppen, weil dies als sehr erotisch gilt. Wenn sich nicht verwandte Frauen und Männer in der Öffentlichkeit treffen, müssen sie die Blicke senken und dürfen sich nicht grüßen. Dieses Verhalten behält seine Gültigkeit auch, wenn sie sich gut kennen und innerhalb des Hauses miteinander verkehren und kommunizieren.
Wenn die Frauen älter werden, besonders nach der Menopause, sind die Regeln für ihre Ehre nicht mehr so streng. Alle diese Gebote sollen die volle Kontrolle des Körpers und auch die Begrenzung der sexuellen Attraktivität ermöglichen. Alles, was die Grenzen dieser Kontrolle überschreitet, gilt als hässlich, ekelerregend, unerotisch und unrein und damit auch unehrenhaft.

Man kann also sagen, dass die Schamhaftigkeit die außerfamiliären Beziehungen zwischen den Geschlechtern regelt und die Manifestation der weiblichen Ehre darstellt. Sie zieht dort eine virtuelle Grenze, wo die reale Grenze bei Begegnungen mit Fremden nicht mehr standhaft ist. Sie ist also als ein positiver Begriff einzuschätzen.

Die männliche Ehre

Die Ehre der Männer, im Gegenteil zu der der Frauen, hängt von deren Handlungen innerhalb des eigenen Geschlechts ab. In jeder Begegnung zwischen Männern spielt sie eine wichtige Rolle.
Von Männern erwartet man keine Zurückhaltung, sie sollen Tapferkeit, Bestimmtheit und Stärke zeigen. (Der erste Schritt zu einem ehrenhaften Mann ist für einen Jungen die Beschneidung, die die formelle Zugehörigkeit zur Männergesellschaft bedeutet.)
Es gibt zwei kritische Punkte im Leben eines Mannes, wo er seine Männlichkeit (erkeklik) unter Beweis stellen muss. Erstens darf er bei der Beschneidung nicht schreien oder weinen, weil das nicht männlich ist. Zweitens muss er seine Männlichkeit in der Hochzeitsnacht beweisen, indem er die Frau entjungfert. Diesem zur Folge ist die männliche Ehre sehr eng mit der Virilität verbunden. Männer dürfen also nie Schwäche zeigen und nachgiebig oder unentschlossen sein. Sie müssen vermeiden, sich „weiblich“ zu benehmen, weil sonst ihre Ehre angegriffen wird.
Ein ehrenhafter Mann ist auch daran zu erkennen, dass er immer zu seinem Wort steht und seiner Verantwortung nicht ausweicht. Er ist auch in Streitfällen verpflichtet, seine agnatischen Verwandten, aber vor allem die engsten Familienmitglieder zu unterstützen, weil es dabei um seine Ehre geht. „Wenn die Ehre der Ehefrau, der Tochter, der unverheirateten Schwester angegriffen wurde, oder wenn der Vater oder der Bruder Unterstützung braucht, kann sich ein Mann der Pflicht einzugreifen nicht ohne Ehrverlust entziehen. Weicht er dennoch aus, so wird sein Vater oder Bruder eingreifen, nicht um die Ehre des ersteren zu retten (das ist unmöglich), sondern weil seine Ehre ebenfalls auf dem Spiel steht.“ (Petersen 1985, S. 26)

Mit der Heirat wird dem jungen Mann ein höherer Status verliehen. Jetzt ist er auch verwundbar, weil er etwas zum Verteidigen hat, und zwar die Ehre seiner Frau. Seine Ehre ist in diesem Moment wie auch noch einmal später, wenn die Töchter heiratsfähig werden, am verletzlichsten. Die Frau, die von außen kommt, stellt für den Mann eine große Gefahr dar. Man kann nie ganz sicher sein, dass sie keine Unreinheit und Schande in die Lineage (die Lineage wird von der Gesellschaft als autonomes Gebilde anerkannt.“ (Panoff/Perrin 1975; Petersen 1985, S. 68)) mit bringt. Die Frau wird gleichzeitig das Heiligste und das Verletzlichste für den Mann. Deswegen werden Heiraten in der Lineage befürwortet, weil sie die Solidarität und die Loyalität der Frau garantieren.

Für die männliche Ehre und das Ansehen sind Großzügigkeit und Gastfreundschaft von wesentlicher Bedeutung. Der, der arm ist, muss sich aus dem öffentlichen Leben in gewisser Weise zurückziehen. Er darf sich nicht einladen lassen, weil er sich nicht revanchieren kann, dadurch verliert er sein Ansehen. Ehre und Ansehen erlangt man also nicht durch reinen Besitz von Geld, sondern durch Freigebigkeit. Großzügigkeit verwandelt ökonomische Macht in Ansehen, dies ist auch wichtig für die Aufrechterhaltung der sozialen Kontakte.

Zusammenfassend wird die Ehre eines Mannes herausgefordert bei:
1. Überschreitung der Grenzen seines Besitzes (der Felder und des Hauses)
2. Annäherung an die ihm zugehörigen Frauen
3. Verbaler oder physischer Angriff auf die Angehörigen seiner agnatischen Gruppe
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buendia



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BeitragThema: Re: Ehre in der Türkei   Do 18 März 2010 - 11:17

ja hmm, habe da so meine probleme. ich bin kein grosser googler; meine gedanken:

sehr archaisch halt. etliche dinge ueber die jahrtausenden in fast allen ehrbegriffen erhalten geblieben als soziale funktion.) gastfreundschaft, verantwortung fuer eigene taten uebernehmen, in aufgaben hineinwachsen etc.)

ich gehe mal davon aus, dass wir uns hier einig sind, dass ehre nicht genetisch determiniert ist, also nicht angeboren. also ist es anerzogen, vorgelebt, eingebleut. (ohne jetzt auf die problematik der beziehung zwischen erziehung und gehirnwaesche einzugehen.) anfangs mit sozialer funktion fuer den zusammenhalt des stammes, spaeter ausgenutzt um machtstrukturen (weltlicher wie religoeser art) zu untermauern und zu garantieren.

dennoch, so wie geschichte, geistige,soziale und vernunftentwicklung, einer langsamen aber standigen veraenderung unterworfen ist,so auch der begriff der ehre. eine evolution wenn man moechte.

wenn das so ist, sind ehrbegriffe aus archaischen kulturkreisen eben an einem anderen (noch) punkt ihrer evolution. bis hierher kein problem. wir waren da auch mal!

das problem beginnt, wenn man den stamm/das land/ den kulturkreis wechselt. ueberspitzt formuliert:

wer aufgewachsen ist mit der ehrenhandlung sich morgends den finger in den hintern zu stecken hat sicher grosse probleme in einem anderen stamm bei dem es zur ehre gehoert den finger morgends in den mund zu stecken.

was passierte frueher mit individuen, die sich dem neuen umfeld ( gesetze, ehrbegriff etc) nicht anpassen konnten/wollten? er wurde im guenstigsten fall ausgeschlossen. ok, einige grosse geister veraenderten nicht sich , sondern den ehrbegriff des neuen stammes. (liebe deinennaechsten etc.)

doch durch den konsens in unserem kulturkreis ( durchaus teil eines evolutonaeren ehrbegriffes) ist freiheit
hoeher angesiedelt ( zumindest den worten nach) als alles andere. die konflikte resultieren mE aus der mengenmaessigen vermischung grundsaetzlich verschiedener evolutionspunkte im ehrbegriff. ( denkt doch mal einfach an der wandel des ehrbegriffes in deutschland in den letzten 200 jahren.)

wo ich gedanklich gerade stecken bleibe: evolution geht weiter. wie koennte der ehrbegriff in 500 jahren aussehen.
ist in der zukuenftigen gesellschaft gastfreundschaft zB ( gemeint ist immer die gegenueber fremden) sozial wichtig?
was ist, wenn der zukuenftige ehrbegriff uns anleitet alleine zu bleiben? den naechsten nebenan verrecken lassen?

ups....
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Aqualis



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BeitragThema: Re: Ehre in der Türkei   Do 18 März 2010 - 14:26

Ehre, Vaterland, Patriotismus und dergleichen reizen mich immer ein wenig zum Erbrechen.
Derartige Floskeln werden mit immer dem gleichen Ziel zum Politikum hochstilisiert: Die Massen bei der (oft kriegerischen) Stange zu halten. Teile und herrsche. Erhebe und erniedrige.
Kein Wunder, dass dann solche bitterbösen Kuriositäten aus dem Kabinett des Dr, Mabuse herauskommen wie von Beamy eingestellt. Jeder halbwegs zivilisierte Mensch klatscht sich mit der Hand an die Stirn und betet schnellstens wieder wach zu werden. Da wird aus einem (scheinbar) willkürlichen Gemisch aus hehren Absichten, allgemeingültigen Verhaltensweisen und tyrannischem Machtstreben eine patriarische Ehrdefinition zusammengebastelt deren Rezeptur aus einer frankensteinischen Zeit zu stammen scheint.

Zwei Fragen sind mir dennoch durch den Kopf geswitcht: Für wen genau definierte der türkische Professor seinen (?) Ehrbegriff. Für Ostanatolien oder für Istanbul (hihi, Letztere würden sich vor Lachen in die Hose pipinieren)?
Und zum Zweiten: Beeinflusst(e) diese 'Definition' die Gesetzgebung?

Im Übrigen habe ich mich mit der Liebsten vor geraumer Zeit schon einmal über das archaische Patriarchat unterhalten (nein, ich habe es ihr nicht angeboten, hihi) und sie hat mir die Augen geöffnet bzw. meinen Blickwinkel verändert. Was wir als miese Machonummer unter der Tarnkappe der Ehre strikt ablehnen wird aus Sicht der brutal ungünstig reglementierten Frauen meist als gar nicht sooo diskriminierend wahrgenommen. So sind halt die Bräuche und schon Oma wurde im Namen der Ehre wie ein Haustier gehalten.
Gastfreundschaft. Nur mal das eine Bestandteil des Ehrenbreies herausgefiltert. Es ist schon abenteuerlich grotesk die Gastfreundschaft mit der Ehre in Verbindung zu bringen.
Ganz EHRlich, EHRbare Frauenzimmer und EHREenwerte Männer sind selbst nach dem EHRENhaftestem Tod auch nur tot. eyes
Habe die Ehre
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Gast
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BeitragThema: Re: Ehre in der Türkei   Do 18 März 2010 - 14:56

Aqualis schrieb:
Ehre, Vaterland, Patriotismus und dergleichen reizen mich immer ein wenig zum Erbrechen.
Derartige Floskeln werden mit immer dem gleichen Ziel zum Politikum hochstilisiert: Die Massen bei der (oft kriegerischen) Stange zu halten. Teile und herrsche. Erhebe und erniedrige.


Bei der Aufzählung der peristaltikanregenden Begriffe fehlt noch:
- christliches Abendland
- Mehrheitsgesellschaft
- Leitkultur
fürs Ausland dann gerne auch noch:
- gods own country
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Sunny
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BeitragThema: Re: Ehre in der Türkei   Do 18 März 2010 - 16:10

Beamy hat es mit ihrem Eingangsposting sicher gut gemeint, aber manchmal wird
ergoogletes dem tatsächlichen Anspruch nicht gerecht.

Hier, aus meiner Sicht, aus mehreren Gründen:

- der Begriff der Ehre wird lediglich aus der Sicht von Mann oder Frau erläutert
- nicht beleuchtet wird der Ehrbegriff im Zusammenhang mit den beiden weiteren Säulen
die das weltliche Leben der Muslime regeln
- die Erläuterungen beziehen sich auf die ursprünglichen Regeln des Koran. Diese haben
heute i.d.R. soviel Bedeutung wie z.B. die Vorgabe der Bibel: Das Weib sei dem Manne
untertan.

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